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Natur der Ostsee

Ostsee-Dorsche

Der Ostseedorsch (Kabeljau) ist ein Charakterfisch der Ostsee mit eigenen, an das salzarme Brackwasser angepassten Beständen. Diese sind durch Überfischung, Sauerstoffmangel in der Tiefe und die Erwärmung des Meeres stark unter Druck geraten, weshalb für ihren Fang heute strenge Beschränkungen gelten.

EckdatenDer Ostseedorsch
ArtDorsch / Kabeljau, an Brackwasser angepasste eigene Ostseebestände
Beständeöstlicher und westlicher Ostseedorsch, biologisch getrennt
Lebensraumtiefe Becken (u. a. Bornholm-Becken, Gotland-Tief, Danziger Tief)
NahrungKrebse, Würmer, Weichtiere, später kleine Fische wie Sprotten
Bedeutungseit jeher wichtiger Speisefisch und Handelsgut der Ostsee-Anrainer
GefährdungÜberfischung, Sauerstoffmangel in der Tiefe, Klimaerwärmung
Schutzstrenge Fangbeschränkungen für die Berufs- und Freizeitfischerei

Was ist der Ostseedorsch?

Der Ostseedorsch ist nichts anderes als der Kabeljau, der hier traditionell „Dorsch“ genannt wird – ein kräftiger Raubfisch mit dem typischen Bartfaden am Kinn, der sich an die besonderen Bedingungen der Ostsee angepasst hat. Anders als seine Verwandten in der salzigen Nordsee bilden die Ostseedorsche eigene Bestände, die mit dem salzarmen Brackwasser zurechtkommen müssen. Fachleute unterscheiden dabei einen östlichen und einen westlichen Ostseedorsch, die sich genetisch und in ihrem Verhalten voneinander abgrenzen.

Auffällig ist seine wandelbare Färbung. Je nach Lebensraum nimmt der Dorsch einen anderen Farbton an: In der Algenwuchszone wirkt er rötlich oder grünlich, über hellem Sandboden und in großer Tiefe dagegen blassgrau. Diese Anpassung an den Untergrund ist eine Tarnung, die ihm sowohl bei der Jagd als auch beim Schutz vor größeren Fressfeinden hilft. Ein einzelner Dorsch kann unter günstigen Bedingungen ein beachtliches Alter von bis zu rund 25 Jahren erreichen, auch wenn die meisten Tiere in der heutigen Ostsee deutlich jünger gefangen werden. Als typischer Bewohner der kühlen, sauerstoffreichen Bodenschichten gehört er zu den markantesten Vertretern der Flora und Fauna der Ostsee und ist zugleich ein wichtiger Gradmesser für den Zustand des gesamten Ökosystems.

Wie lebt der Dorsch in der Ostsee?

Der Dorsch lebt und laicht bevorzugt in den tieferen Becken der Ostsee, weil er für seinen Nachwuchs ein höheres Maß an Salz und Sauerstoff benötigt, als das salzarme Oberflächenwasser bietet. Seine Laichzeit hängt von Alter und Umweltbedingungen ab und erstreckt sich grob über das Frühjahr und den Sommer. Bei der Nahrung ist er ein Allesfresser unter den Räubern: Junge Dorsche ernähren sich vor allem von Krebsen, Würmern und Weichtieren, mit zunehmendem Alter jagen sie verstärkt kleine Schwarmfische wie Sprotten und Heringe.

Die Fortpflanzung des Dorsches ist eng an die Eigenheiten dieses besonderen Meeres geknüpft. Die Ostsee ist das größte Brackwassermeer der Erde und tauscht ihr Wasser nur sehr langsam mit der Nordsee aus, da sie allein über die flachen Gewässer von Skagerrak und Kattegat verbunden ist. Süßwasser strömt durch Niederschläge und die großen Zuflüsse der Ostsee ständig nach, während sauerstoffreiches Salzwasser nur selten und in Schüben einströmt. Das schwerere Salzwasser schiebt sich als Tiefenstrom ein, darüber lagert das leichtere, salzärmere Wasser. So entsteht eine stabile Schichtung, die den Austausch zwischen den Wasserkörpern bremst.

Genau in diesen tieferen Schichten liegen die Laichplätze des Dorsches – etwa im Bornholm-Becken, im Gotland-Tief und im Danziger Tief. Der Dorschlaich schwebt nicht von allein im Wasser, sondern benötigt einen ausreichend hohen Salzgehalt, um in der Schwebe zu bleiben, statt auf den sauerstoffarmen Grund abzusinken. Diese Bedingungen findet er nur dort, wo salzreiches Tiefenwasser und sauerstoffhaltige Schichten zusammentreffen. Wie eng dieses Leben mit den physikalischen Bedingungen des Meeres verzahnt ist, zeigt sich auch in der engen Verbindung zwischen Klima und Wetter der Ostsee und dem Bruterfolg des Dorsches.

Warum sind die Dorschbestände bedroht?

Die Dorschbestände der Ostsee sind bedroht, weil mehrere Belastungen gleichzeitig auf den Fisch einwirken: jahrzehntelange Überfischung, Sauerstoffmangel in den tiefen Laichgebieten und die zunehmende Erwärmung des Meeres. Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig und haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass ganze Jahrgänge des Nachwuchses nahezu ausgeblieben sind.

Das vielleicht hartnäckigste Problem ist der Sauerstoffmangel in der Tiefe. Sobald der Sauerstoff im abgeschichteten Tiefenwasser durch biologische Abbauprozesse verbraucht ist, entstehen ausgedehnte sauerstoffarme Zonen am Grund. Genau dort aber liegen die Laichplätze des Dorsches. Wird die Sauerstoffversorgung zu knapp, können die Eier sich nicht entwickeln, und der Bruterfolg bricht ein. Nur wenn kräftige Westwinde und Sturmfluten frisches, salzreiches Wasser aus der Nordsee hineindrücken, bessert sich die Lage vorübergehend – doch solche großen Einstromereignisse treten nur in größeren Abständen auf.

Hinzu kommt der Druck durch die Nahrungskette. In einem ausgedünnten Bestand fehlt dem Dorsch oft die hochwertige Beute, während gleichzeitig kleine Schwarmfische wie Sprotten von der Dorschknappheit profitieren: Sind die Dorsche selten, verlieren die Sprotten ihren natürlichen Feind, vermehren sich stark und fressen ihrerseits Dorscheier und -larven. So kann sich ein Kreislauf verfestigen, der den Dorsch zusätzlich schwächt. Erst wenn wieder mehr Salzwasser einströmt und kühle Winter die Vermehrung der Sprotten bremsen, kann sich das Verhältnis umkehren. Überlagert wird all das von der Klimaerwärmung, die wärmeres Wasser, veränderte Salzgehalte und tendenziell noch ausgedehntere sauerstoffarme Zonen mit sich bringt. Dass der Dorsch so stark unter Druck steht, macht ihn zu einem Schlüsselthema, wenn es um die Natur der Ostsee und ihren langfristigen Schutz geht.

Welche Bedeutung hat der Dorsch für die Fischerei?

Der Dorsch ist seit jeher einer der wichtigsten Speise- und Wirtschaftsfische der Ostsee und damit eine tragende Säule der Küstenfischerei. Als Kabeljau ist er weit über die Region hinaus bekannt und wird vielseitig verarbeitet – frisch und gebraten ebenso wie als Tiefkühlfisch, in Fischstäbchen oder getrocknet als Stockfisch. Über Jahrhunderte war er ein Grundnahrungsmittel und ein bedeutendes Handelsgut der nordischen Länder; bereits im Mittelalter spielte getrockneter Dorsch im Handel eine große Rolle.

Heute hat sich das Bild gewandelt. Weil die Bestände viel kleiner sind als in früheren Jahrzehnten, ist Dorsch knapper und teurer geworden, und für viele Küstenbetriebe ist der Fang zu einer wirtschaftlichen Herausforderung geworden. Um die geschwächten Bestände nicht weiter zu überlasten, gelten heute strenge Fangbeschränkungen – sowohl für die Berufsfischerei als auch für die Freizeit- und Angelfischerei. Diese Regeln sollen dem Dorsch Zeit zur Erholung geben und die Fischerei langfristig sichern. Wer die Ostsee bereist, begegnet dem Dorsch deshalb in zweifacher Weise: auf den Speisekarten der Küstenorte und als Symbol für den sorgsamen Umgang mit den Meeresressourcen, der heute zum bewussten Ostsee-Tourismus dazugehört.

Sind Dorsch und Kabeljau dasselbe?
Ja. Es handelt sich um denselben Fisch – in der Ostsee und im Norddeutschen ist „Dorsch“ die gebräuchliche Bezeichnung, während „Kabeljau“ vor allem für die Tiere aus der salzigeren Nordsee und den großen Speisefisch im Handel verwendet wird. Die Ostseedorsche bilden eigene, an das Brackwasser angepasste Bestände.
Warum braucht der Dorsch die tiefen Becken zum Laichen?
Sein Laich schwebt nur bei ausreichend hohem Salzgehalt im Wasser und sinkt sonst auf den Grund. Die nötigen Salz- und Sauerstoffwerte findet er fast nur in den tieferen Becken wie dem Bornholm-Becken oder dem Gotland-Tief, wo salzreiches Tiefenwasser einströmt. Fehlt dort Sauerstoff, gelingt die Fortpflanzung nicht.
Was bedrängt die Ostseedorsche am stärksten?
Vor allem das Zusammenspiel aus Überfischung, Sauerstoffmangel in der Tiefe und der Erwärmung des Meeres. Dazu kommt der Druck durch Schwarmfische wie Sprotten, die in dünnen Dorschbeständen deren Eier fressen. Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig.
Darf man in der Ostsee noch Dorsch angeln?
Der Dorschfang unterliegt heute strengen Beschränkungen, die sowohl für die Berufsfischerei als auch für Freizeitangler gelten. Die genauen Regeln werden regelmäßig an den Zustand der Bestände angepasst, damit sich der Dorsch erholen kann. Vor einem Angelausflug sollte man sich daher über die aktuell gültigen Vorgaben informieren.

Der Dorsch ist damit weit mehr als ein Speisefisch: Er erzählt die Geschichte eines empfindlichen Brackwassermeeres und seines Gleichgewichts. Wer die Lebensräume hinter diesem Charakterfisch erkunden möchte, findet weitere Einblicke in die Tier- und Pflanzenwelt der Ostsee sowie Anregungen für die Reise rund um Küsten, Inseln und Häfen im Überblick zu Reise und Tourismus an der Ostsee.