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Natur der Ostsee

Nationalpark Jasmund und die Kreideküste auf Rügen

Der Nationalpark Jasmund auf Rügen ist mit 3.070 Hektar der kleinste Nationalpark Deutschlands und zugleich der Ort der berühmtesten Kreidefelsen der Ostsee: Am Königsstuhl ragt das Kliff 118 Meter aus dem Meer, darüber wächst ein Buchenwald, der zum UNESCO-Welterbe gehört. Diese Seite erklärt, wie die Kreide entstand, warum der Wald so besonders ist, wie sich die Küste verändert und worauf Besucher achten.

EckdatenNationalpark Jasmund
LageOsten der Halbinsel Jasmund auf Rügen, zwischen Sassnitz im Süden und Lohme im Norden
Gründung1990
Fläche3.070 Hektar, davon rund 20 Prozent Wasserfläche
Höchste ErhebungPiekberg in der Stubnitz, 161 Meter über dem Meer
Kreidekliff am Königsstuhlbis 118 Meter
Länge der Kreideküste11 Kilometer
WelterbeAlte Buchenwälder, seit dem 25. Juni 2011

Wo liegt der Nationalpark Jasmund und wie groß ist er?

Der Nationalpark Jasmund liegt im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns auf der Insel Rügen. Er nimmt den Osten der Halbinsel Jasmund ein und reicht von Sassnitz im Süden bis nach Lohme im Norden. Mit 3.070 Hektar ist er der kleinste der deutschen Nationalparks, rund ein Fünftel davon ist Wasserfläche. Zum Park gehören die Steilufer und ein 500 Meter breiter Streifen Meer vor dem Strand.

Das Rückgrat der Halbinsel ist die Stubnitz, ein bewaldeter Höhenrücken, der überwiegend aus Kreidekalk besteht. Er steigt bis auf 161 Meter über das Meer, der höchste Punkt ist der Piekberg. An der Küste fallen die Hänge steil zur Ostsee ab. Das berühmteste Kliff ist der Königsstuhl mit 118 Metern Höhe, ein Kreidekliff, das es in dieser Form nirgendwo sonst in Deutschland gibt.

Der Park ist in Zonen gegliedert. In der Kernzone, die rund 96 Prozent der Fläche ausmacht, darf sich die Natur ohne Eingriffe entwickeln, hier gilt ein strenges Wegegebot. Die Pflegezone umfasst sehr kleine offene Flächen, vor allem ehemalige Kreidebrüche, die durch Mahd oder Entbuschung offen gehalten werden. In der Entwicklungszone liegen früher genutzte Flächen wie Wälder, Grünland und Moore, die der natürlichen Entwicklung überlassen werden. Sechs eingeschlossene, teils bebaute Siedlungsbereiche bilden die Erholungszone.

Wie entstand die Kreide von Rügen?

Die Geschichte der Küste beginnt vor rund 70 Millionen Jahren, am Ende der Kreidezeit. Damals lebten noch Dinosaurier, das Klima war deutlich wärmer als heute, die Pole waren eisfrei und auf den Bergen lagen keine Gletscher. Mitteleuropa lag unter einem flachen Schelfmeer, das im Norden von Schweden und im Süden von den Alpen begrenzt wurde. Die Alpen waren erst kurz zuvor aus dem Meeresboden aufgestiegen, weil die afrikanische Platte gegen Europa drückte.

Die Kreide selbst besteht aus Fossilien. Den Hauptanteil lieferten mikroskopisch kleine Meeresorganismen, vor allem Kalkalgen, die Coccolithophoriden. Diese Einzeller sind etwa 0,01 Millimeter groß und tragen winzige Plättchen aus Calciumcarbonat, die Coccolithen. Dazu kamen Skelettreste von Wurzelfüßern und Muschelkrebsen. Alles sank als Kalkschlamm auf den Meeresboden und verfestigte sich zur Rügener Schreibkreide, die fast reines Calciumcarbonat ist.

Neben der Kreide enthält die Steilküste Sand, Lehm, Mergel, Steine und Findlinge. Die elf Kilometer lange Kreideküste ist der größte und bedeutendste geologische Aufschluss Norddeutschlands, ein Querschnitt durch rund 70 Millionen Jahre Erdgeschichte.

Weiße Kreidefelsen mit Buchenwald darüber und Steinstrand davor an der Ostsee

Fossilien am Strand

Größere Meerestiere mit Schalen, Gehäusen oder Skeletten hinterließen Reste, die sich manchmal am Strand finden. Vollständige Stücke sind selten, feine Strukturen fast nie erhalten. Oft bleibt nur ein Abdruck, etwa ein Schalenhohlraum, der sich nach dem Auflösen der Schale mit Feuerstein gefüllt hat.

Der häufigste Fund ist der „Donnerkeil“, das Rostrum eines Belemniten. Der Name geht auf die Sage zurück, es handle sich um einen Blitz des germanischen Donnergottes. Tatsächlich ist es die innere Stützstruktur eines Kopffüßers der Kreidezeit, vergleichbar mit der Schulpe heutiger Tintenfische. Im Geröll unter den Kliffs liegen außerdem Seeigel, Muscheln und Korallen. Eine umfangreiche Sammlung zeigt das Kreidemuseum in Gummanz. Das Suchen am Strand ist erlaubt. Funde werden besser fotografiert statt mitgenommen, damit auch spätere Besucher noch etwas entdecken.

Wie formte die Eiszeit die Steilküste?

Die Kreide lag ursprünglich flach unter anderen Schichten. In der letzten Eiszeit schoben mächtige Inlandgletscher sie zusammen und stauchten Kreide und ältere Schichten zu einem Höhenrücken auf, der heute 161 Meter über die Ostsee ragt. Die Vergletscherung endete auf Rügen vor etwa 14.000 Jahren. Danach folgten Kältesteppe, Birken- und Kiefernwälder und schließlich Eichenmischwälder.

Vor rund 6.000 Jahren erreichte der Meeresspiegel seinen heutigen Stand. Der Bereich des heutigen Nationalparks war damals eine Insel vor der Hauptinsel Rügen. Die Wellen begannen, an den Hängen zu nagen, und formten die Steilufer. Die Eiszeit hat das halbfeste Gestein außerdem gefaltet und durch den Druck der Eismassen in kleine Stücke zerbrochen.

Wie schnell weicht die Küste zurück?

Die Küste von Jasmund ist in ständiger Bewegung. Seit dem Beginn der Litorina-Transgression vor etwa 7.000 Jahren ist sie um fast zwei Kilometer zurückgewichen. Im Schnitt beträgt der Rückgang etwa 30 Zentimeter pro Jahr.

Dabei spielt eine Eigenschaft der Kreide eine Rolle: Wegen ihrer Korngröße speichert sie Wasser. Durchnässt, wird sie schwer und instabil, und ganze Partien lösen sich vom Kliff. Die Brandung trägt das Material ab und formt so die markanten Kreidepfeiler wie den Königsstuhl und die Wissower Klinken aus dem Hinterland heraus. Weil der Prozess weitergeht, entstehen neue markante Felsformen, während andere verschwinden.

Aus diesem Grund ist der Strand unter den Kliffs ein Gefahrenbereich. Steinschlag und Abbrüche geschehen regelmäßig, der Blockstrand unter den Kreidefelsen ist lebensgefährlich.

Warum gehört der Buchenwald zum UNESCO-Welterbe?

Über den Kliffs wächst die zweite große Besonderheit des Parks: der Buchenwald. Am 25. Juni 2011 erkannte die UNESCO die Buchenwälder in Jasmund als Weltnaturerbe an. Das Kerngebiet im Nationalpark umfasst rund 500 Hektar, die Wälder auf Jasmund sind die größten zusammenhängenden Buchenwälder im Ostseeraum. Die Hangwälder an der Küste wurden nie forstlich genutzt und stehen echten Urwäldern deshalb am nächsten.

Jasmund ist Teil einer Gesamtstätte. Sie umfasst 93 Waldgebiete in 18 europäischen Ländern. Das ist die größte serielle Welterbestätte der Welt. In Deutschland gehören neben Jasmund die Nationalparks Kellerwald, Hainich und Müritz sowie das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin dazu.

Die Buche wanderte nach der letzten Eiszeit nach Norden zurück. Erst in den vergangenen 4.000 Jahren wurde sie in Europa zur vorherrschenden Baumart. Auf Ostjasmund fanden seit etwa 1.700 Jahren keine nennenswerten Rodungen mehr statt, seit die Rugier die Insel verließen. Der Wald konnte sich seither ungestört ausbreiten.

Alter Buchenwald mit moosbewachsenen Stämmen und Totholz im Morgenlicht

Welche Tiere leben im Nationalpark Jasmund?

In den Wäldern der Stubnitz brütet der Seeadler, der größte Vogel des Parks. Der Schwarzspecht zimmert Höhlen, die in Wäldern erst ab einem Baumalter von über 120 Jahren natürlich häufiger entstehen. Davon profitieren andere Arten, etwa Fledermäuse. Zehn Fledermausarten sind im Park nachgewiesen, darunter Zwergfledermaus, Rauhautfledermaus, Großer Abendsegler, Fransenfledermaus und Braunes Langohr. Besonders bedeutsam sind die Große Bartfledermaus und der Kleinabendsegler. Die Uferschwalbe brütet an den Kreidekliffs, der Zwergschnäpper im Buchenwald. An sonnigen Frühlingstagen nutzen Kraniche die Thermik über dem Wald, um Höhe zu gewinnen, bevor sie über die Ostsee weiterziehen. Mehr zu ihnen steht auf der Seite zu den Kranichen an der Boddenküste.

Unter den Säugetieren leben Damwild, die Haselmaus und der Waschbär im Gebiet. Die Haselmaus hält bis zu sieben Monate Winterschlaf. Vor der Küste jagt die Kegelrobbe, das größte frei lebende Raubtier Deutschlands. Sie taucht bis zu 140 Meter tief und bis zu 20 Minuten lang. Die Ostseepopulation liegt bei etwa 30.000 Tieren, die erste Geburt an der deutschen Ostseeküste wurde 2018 nachgewiesen. Zu Robben gilt ein Mindestabstand von 100 Metern. Der Schweinswal, die einzige regelmäßig in der Ostsee vorkommende Walart, ist mit nur noch etwa 600 Tieren in einer isolierten Population vertreten.

Gesichert nachgewiesen sind unter den Amphibien Teichmolch, Kammmolch, Rotbauchunke, Erdkröte, Wechselkröte, Grasfrosch, Moorfrosch und Springfrosch. Dazu kommen Ringelnatter, Kreuzotter und die seltene Glattnatter. Zu den Wassertieren zählt die Alpenplanarie, ein Strudelwurm kalter Quellen und Relikt der Eiszeit. Edelkrebs und Bachforelle sind weitere Raritäten der Bäche.

Seit wann steht Jasmund unter Schutz?

Die Schutzgeschichte reicht weit zurück. Schon 1586 gab es eine erste Holzordnung, die den Wald als Rohstoff schützte und eine nachhaltige Nutzung anstrebte. Anfang des 20. Jahrhunderts bedrohte der Kreideabbau die Steilufer, Naturfreunde setzten sich dagegen ein. 1929 wurde per Polizeiverordnung das „Naturschutzgebiet Jasmund“ ausgewiesen. 1964 formulierte Lebrecht Jeschke erstmals die Idee eines Nationalparks, 1986 folgte das Naturschutzgebiet Quoltitz im Westteil des heutigen Parks.

1990 wurde der Nationalpark Jasmund im Zuge des Nationalparkprogramms der DDR gegründet. Die Wende hatte zuvor die Gefahr einer hemmungslosen touristischen Vermarktung mit sich gebracht. Die Ur- und Frühgeschichte der Halbinsel ist ebenfalls dokumentiert: Jäger und Sammler der Lietzow-Kultur hinterließen vor etwa 5.500 Jahren Feuersteinabschläge, vor etwa 5.000 Jahren lichteten die ersten Bauern erstmals den Wald und errichteten Großsteingräber, und vor etwa 3.800 Jahren begann die Bronzezeit mit Burgwällen und Hügelgräbern.

Wie besucht man die Kreideküste richtig?

Im Nationalpark gilt ein absolutes Wegegebot: Besucher bleiben auf den markierten Wegen. Der Grundsatz lautet, nichts hineinzutragen und nichts herauszutragen. Zwei Erlebnispfade führen durch den Park. Der Kreidepfad folgt dem Hochuferweg, der Waldpfad beginnt am Eingang Hagen. Beide enden am Nationalpark-Zentrum Königsstuhl und können dort auch beginnen. Das Zentrum informiert über Kreide, Wald und Küste.

Wer weitere Touren plant, findet Anregungen auf der Seite zum Wandern an der Ostsee. Für die Anreise nach Rügen und die Wahl der Jahreszeit helfen die Seiten zur Anreise und zur besten Reisezeit. Wer Hunde mitnehmen möchte, liest vorher Ostsee mit Hund.

Häufige Fragen zum Nationalpark Jasmund

Wie hoch ist der Königsstuhl?

Das Kreidekliff am Königsstuhl ist bis zu 118 Meter hoch. Die höchste Erhebung des Nationalparks ist mit 161 Metern der Piekberg in der Stubnitz.

Wie groß ist der Nationalpark Jasmund?

Er umfasst 3.070 Hektar und ist damit der kleinste Nationalpark Deutschlands. Rund 20 Prozent der Fläche sind Wasser.

Wann wurde der Buchenwald Welterbe?

Am 25. Juni 2011. Das Kerngebiet im Nationalpark Jasmund ist etwa 500 Hektar groß.

Wie entstand die Kreide?

Aus den Kalkplättchen mikroskopisch kleiner Meeresalgen, die sich vor rund 70 Millionen Jahren als Kalkschlamm am Meeresboden ablagerten und zur Schreibkreide verfestigten.

Darf man am Strand Fossilien sammeln?

Das Suchen ist erlaubt. Funde werden besser fotografiert und liegen gelassen.