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Natur der Ostsee

Kraniche an der Boddenküste: Rast, Zugwege und Beobachtung

Jeden Herbst rasten Zehntausende Kraniche an der Boddenküste zwischen Darß, Zingst und Rügen: Von September bis Anfang November sammeln sie sich hier, fressen sich auf Maisstoppeln Reserven an und schlafen im flachen Wasser der Bodden. Diese Seite erklärt, woher die Vögel kommen, wann der Zug zu sehen ist, wohin er weitergeht und wie man ihn beobachtet, ohne die Tiere zu stören.

EckdatenKranich an der Boddenküste
Rast im HerbstSeptember bis Anfang November
Rast im Frühjahrab März, am sichtbarsten in der zweiten Märzhälfte
Herkunftüberwiegend Skandinavien, vor allem Schweden; dazu Polen und das Baltikum
Größe120 bis 130 Zentimeter, Flügelspannweite über 2 Meter
Schlafplätzeflaches Wasser von 20 bis 30 Zentimetern Tiefe
Fluchtdistanzetwa 150 bis 300 Meter
SchutzstatusRamsar-Gebiet seit 1978, Europäisches Vogelschutzgebiet seit 14. Dezember 1992

Warum rasten die Kraniche an der Boddenküste?

Kraniche brauchen zwei Dinge: ungestörte, große Flachwasserflächen zum Schlafen und frisch abgeerntete Felder zum Fressen. Beides finden sie an der vorpommerschen Boddenküste. Die Bodden sind im Durchschnitt nur etwa zwei Meter tief, und der Grabow mit den Inseln Bock und Werder bietet geschlossene Vogelschutzgebiete, auf denen Zehntausende Kraniche im Frühjahr und Herbst rasten. In Deutschland gibt es mehr als 200 Schlafplätze, doch die meisten Vögel konzentrieren sich auf drei Regionen: das Rhin-Havelluch in Brandenburg, die Vorpommersche Küste und die Diepholzer Moorniederung in Niedersachsen.

Der Raum ist vom Gesetz geschützt. Seit 1978 ist das Gebiet als Feuchtgebiet internationaler Bedeutung nach der Ramsar-Konvention von 1971 anerkannt, seit dem 14. Dezember 1992 ist der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ein Europäisches Vogelschutzgebiet. Mehr zum Park steht auf der Seite zu Fischland-Darß-Zingst.

Wann ist die beste Zeit für den Kranichzug?

Im Herbst sind die Vögel von September bis Anfang November da. Ab Anfang August versammeln sich zunächst Brutpaare mit ihren Jungen an Sammelplätzen, die 20 bis 50 Kilometer auseinander liegen, Nichtbrüter und Paare ohne Junge kommen zuerst. Ab Mitte September steigen die Zahlen stark an, wenn die Vögel aus Skandinavien und Osteuropa eintreffen. Die meisten kommen aus Schweden, ein kleinerer Teil aus Polen und dem Baltikum.

Im Frühjahr treffen die Kraniche im März ein. Am deutlichsten ist der Zug in der zweiten Märzhälfte, wenn sich die Vögel in Gruppen auf den Feldern sammeln. Der Frühjahrszug verläuft schneller als der Herbstzug, und die Kraniche bleiben oft mehrere Wochen an den Zwischenstationen in Deutschland. Über Deutschland sind Überflüge im Herbst vor allem im Oktober und November zu sehen, im Frühjahr im Februar und März. Die meisten Kraniche ziehen an wenigen Tagen mit besten Bedingungen, bei Hochdruckwetter und Rückenwind.

Kraniche auf einem abgeernteten Feld im Morgennebel an der Ostseeküste

Wie sieht der Tag eines rastenden Kranichs aus?

Kraniche schlafen stehend in flachem Wasser von 20 bis 30 Zentimetern Tiefe, wo sie vor Raubtieren geschützt sind. Am Morgen fliegen sie schon im ersten Dämmerlicht ab, oft schneller als sie am Abend zurückkehren. Die Rückkehr zum Schlafplatz zieht sich dagegen über ein bis zwei Stunden. Die Trupps reichen von kleinen Gruppen bis zu Tausenden Vögeln. Stört etwas den Schlafplatz, kann ihn der Schwarm verlassen.

Tagsüber fressen die Kraniche auf Feldern. Am liebsten suchen sie Flächen in der Nähe des Schlafplatzes auf, für gutes Futter nehmen sie aber Wege bis zu 30 Kilometern in Kauf. Im frühen Herbst fressen sie auf Getreidestoppeln, später bevorzugen sie Maisstoppeln. Ein Kranich braucht am Tag 200 bis 300 Gramm Getreide, im Winter etwa 200 Gramm, auf dem Zug etwa 300 Gramm. Im Herbst liegt das bevorzugte Gebiet innerhalb von zehn Kilometern nördlich und südlich der Bundesstraße 105 zwischen Ribnitz-Damgarten und Stralsund. Die Fettreserven für den Weiterflug bauen sich während der Rast auf.

Wohin ziehen die Kraniche weiter?

Kraniche, die in Deutschland brüten oder hier rasten, gehören zur westeuropäischen Zugroute, nur Vögel dieser Route überfliegen Deutschland. Vögel aus Schweden und Norwegen queren die Ostsee zur Vorpommerschen Küste, ziehen über die Diepholzer Moorniederung und fliegen dann ohne Zwischenlandung über das Ruhrgebiet, den Westen von Rheinland-Pfalz und Luxemburg zu den Rastplätzen im Nordosten Frankreichs, vor allem zum Lac du Der. Kraniche aus der Müritz-Region und dem Nordwesten Brandenburgs nutzen einen Korridor zwischen Hannover und Göttingen und gelangen über Nordhessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Luxemburg nach Frankreich. Tiere aus dem Raum Berlin rasten kurz am Helmestausee Berga-Kelbra am Kyffhäuser.

Überwintert wird in Frankreich und Spanien. Die Wintergebiete verschieben sich nach Norden, die Routen werden kürzer. Kraniche aus dem Nordwesten Deutschlands bleiben im Winter häufig in der Nähe ihrer Brutgebiete, einige aus dem Nordosten ebenfalls. In Spanien fressen sie Eicheln von Stein- und Korkeichen und in Frankreich und Spanien auch abgeerntete Reisfelder. Daneben gibt es andere europäische Routen: Die baltisch-ungarische führt über Ungarn und Serbien bis nach Nordafrika, die osteuropäische über das Schwarze Meer, die Türkei und Israel bis Ostafrika, die wolga-iranische bis in den Iran. Der Rückzug im Frühjahr folgt im Allgemeinen denselben Wegen.

Wie groß wird ein Kranich und wie lebt er?

Aufrecht stehend misst ein Kranich 120 bis 130 Zentimeter und überragt Graureiher und Weißstorch deutlich. Die Flügelspannweite beträgt über zwei Meter und entspricht damit großen Adlern wie dem Seeadler. Männchen wiegen im Schnitt 5 bis 7 Kilogramm, Weibchen knapp 5 bis 6 Kilogramm. Im Flug streckt der Kranich den Hals gerade nach vorn, die Beine ragen weit über den Schwanz hinaus.

Das Gefieder ist grau, daher der Name Graukranich. Alte Vögel haben ein schwarzweißes Muster an Kopf und Hals und eine federlose rote Kappe, die sich bei Erregung aufbläht und leuchtend rot wird. Die Schleppe aus verlängerten Schwungfedern hängt über dem kurzen Schwanz und wird bei der Balz buschig aufgestellt. Der Schnabel ist über 10 Zentimeter lang und gelblich. Die bräunliche Färbung des Rückens stammt von eisenhaltigem Schlamm, den die Vögel in ihr Gefieder einreiben. Junge Kraniche tragen zuerst zimtbraune Daunen, das volle Alterskleid ist nach drei bis vier Jahren erreicht.

Kraniche werden in Menschenobhut bis zu 40 Jahre alt, in freier Wildbahn im Schnitt deutlich weniger, einzelne beringte Vögel erreichten mehr als 25 Jahre. Geschlechtsreif sind sie frühestens im dritten Jahr, die meisten brüten ab dem vierten Jahr. Paare bleiben in der Regel ein Leben lang zusammen. Die Nahrung ist vielseitig: Kleinsäuger, Reptilien, kleine Fische, Frösche, Schnecken, Würmer, Insekten und ihre Larven, dazu Getreide, Mais, Sonnenblumenkerne, Erbsen, Bohnen, Nüsse, Beeren, Eicheln und Kartoffeln. Außerhalb des äußersten Südostens ist der Kranich die einzige Kranichart Europas.

Wie brütet der Kranich?

Die Eiablage beginnt Mitte März oder Anfang April. Das Weibchen legt in der Regel zwei Eier im Abstand von ein bis drei Tagen, beide Partner brüten im Schnitt 30 bis 31 Tage. Die Küken schlüpfen meist etwa einen Tag nacheinander und sind Nestflüchter: Schon mit 24 bis 30 Stunden folgen sie den Altvögeln zur Nahrungssuche. Nach etwa zehn Wochen sind sie flugfähig, ab Ende Juli können sie den Eltern zu weiter entfernten Futter- und Sammelplätzen folgen.

Gebrütet wird in Sümpfen, Moorwäldern, verlandenden Seen und Teichen. In Deutschland ist der häufigste Typ der Erlenbruch, ein nasser bis sumpfiger Erlenwald. Das Nest steht in etwa knietiefem Wasser und kann bis zu einen Meter Durchmesser erreichen, auch kleine wassergefüllte Senken in Ackerflächen, Sölle, werden genutzt. In Europa brüten über 130.000 Paare (Stand 2015), in Deutschland knapp 12.000, davon etwa 5.000 in Mecklenburg-Vorpommern und 3.320 in Brandenburg (Stand 2021).

Kranichschwarm im Abendlicht über Schilf und flachem Boddenwasser

Wo und wie beobachtet man Kraniche?

Kraniche haben in Deutschland eine Fluchtdistanz von etwa 150 bis 300 Metern. Heben alle Vögel die Köpfe, fühlen sie sich gestört. Wer weiter herankommt, löst den Abflug aus und kostet die Tiere Energie, die sie für den Zug brauchen. Deshalb gelten klare Regeln: Beobachter bleiben auf öffentlichen Straßen und meiden Feld- und Wirtschaftswege, die den Vögeln als Rückzugsräume dienen. Genutzt werden die öffentlichen Beobachtungsstellen und Plattformen an den Schlaf- und Fressplätzen.

Eine gute erste Station ist das Kranorama am Günzer See, wo in der Saison bis zu 4.000 Kraniche gleichzeitig zu sehen sind, dazu Tausende Gänse und Enten und zahlreiche Seeadler, von morgens bis abends. Das Internationale NABU-Erlebniszentrum Kranichwelten liegt 16 Kilometer nordwestlich von Stralsund und ist Europas größtes Kranichzentrum, mit multimedialer Ausstellung und einem 17-minütigen Film. Manche Reedereien bieten abendliche Bootsfahrten zur Kranichbeobachtung an. Auch über der Halbinsel Jasmund auf Rügen ziehen im Frühjahr Kraniche, die dort die Thermik über dem Wald nutzen. Mehr dazu auf der Seite zum Nationalpark Jasmund.

Wer den Vogelzug mit einem Urlaub verbinden möchte, plant die Reise mit den Seiten zur besten Reisezeit und zur Anreise. Weitere Arten der Küste stellt die Seite zu Flora und Fauna vor.

Häufige Fragen zu den Kranichen an der Ostsee

Wann rasten die Kraniche an der Boddenküste?

Im Herbst von September bis Anfang November, im Frühjahr ab März mit dem Höhepunkt in der zweiten Märzhälfte.

Woher kommen die Kraniche?

Die meisten aus Skandinavien, vor allem aus Schweden. Ein kleinerer Teil kommt aus Polen und dem Baltikum.

Wie nah darf man an Kraniche herangehen?

Ihre Fluchtdistanz liegt bei etwa 150 bis 300 Metern. Beobachtet wird von öffentlichen Straßen und Plattformen aus.

Wo schlafen Kraniche?

Stehend in flachem Wasser von 20 bis 30 Zentimetern Tiefe, zum Beispiel in den Bodden.

Wie groß ist ein Kranich?

120 bis 130 Zentimeter hoch, mit einer Flügelspannweite von über zwei Metern.